Predigt am Weltmissionssonntag: Jesus ruft uns zum Dienen

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Liebe Gläubige,

eines der Worte, das viele Menschen fasziniert, heißt Karriere. Das Wort ist modern, was dahinter steht ist uralt. Es ist das Verlangen nach Ansehen, Ehre, Geld, Besitz oder Macht. Auch die Apostel dachten so und mussten lernen, sich davon zu lösen. Die Apostel Jakobus und Johannes wünschten sich „Ministerposten“ im Reich Gottes. Das verrät ihre Bitte: „Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen“ (Mk 10, 37). Die Apostel hatten noch nicht begriffen, dass Jesus nicht eine Karriere nach oben, sondern eine Karriere nach unten anbietet. Eine Karriere machen ist nichts Schlechtes, wenn es nicht auf Kosten und zum Nachteil anderer geht. Nur wenige Menschen können eine große Karriere in der Welt machen, die „Karriere“ des Dienens aber kann und soll jeder machen. Obwohl er der Sohn Gottes war, dem alle Macht im Himmel und auf der Erde gehört, machte er weder den Hohenpriestern noch dem Pilatus noch dem Kaiser in Rom den Platz streitig. Es ging ihm um etwas ganz anderes. Es ging ihm um das Dienen, um das Helfen. Da sein Herz nur Liebe war, reinste und vollkommenste Liebe, hat er die vielen Nöte der Menschen gesehen. Angesichts von Not wollte er helfen. Er sah die unangenehme Not der Brautleute bei der Hochzeit in Kana und verwandelte Wasser in Wein, er sah die Not der Kranken und heilte sie, er sah die Not der Hungrigen und gab ihnen Brot und Fisch zu essen, er sah die Not der Fragenden und gab ihnen hilfreiche Antworten, er sah die Not der mit Schuld beladenen Menschen und schenkte ihnen die Vergebung der Sünden durch sein Leiden am Kreuz. An ihm hat sich erfüllt, was wir soeben in der ersten Lesung gehört haben: „Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich“ (Jes 53, 11). Er hat, wie es da heißt, sein Leben als Sühnopfer hingegeben (vgl. Jes 53,10).

Liebe Gläubige, ein Christ hat den Wunsch, so wie Jesus Christus zu leben. Deshalb will ein Christ dienen oder mit anderen Worten: Er will helfen. Es gibt Menschen, die sagen: „Wie es den anderen geht, ist mir egal. Hauptsache mir geht es gut.“ Der Christ will helfen. Das gibt es viele Möglichkeiten: für einen Freund beten, damit die Operation gut gelingt; einem Mitmenschen zuhören, der große Sorgen hat; jemandem einen guten Ratschlag geben, der sich in einer Sache nicht auskennt oder unbeholfen ist; nach einem Fest beim Aufräumen helfen; einem überbelasteten Menschen eine Arbeit abnehmen; jemandem helfen, dass der Weg zur befreienden Beichte freigeschaufelt wird, oder ein gutes Wort für einen Menschen haben, der etwas eigenartig ist und deshalb am Rande steht. In den Köpfen vieler Menschen gibt es oft die Frage: Was bringt mir das? Manchmal ist diese Frage berechtigt, sehr oft aber kommt sie aus einer egoistischen Haltung. Der Christ verzichtet darauf. Er dient, er hilft, er hat Freude daran, wenn es anderen Menschen – in der Nähe und in der Ferne – gut geht. Dabei macht der Christ immer wieder die unerwartete Erfahrung: Das Dienen, das Helfen macht mich nicht ärmer, sondern reicher und froher. Jesus drückt diese Erfahrung so aus: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren, wer es dagegen verliert, wird es erhalten“ (Lk 17,33). Die Wahrheit dieses Satzes bestätigt auch die moderne Gehirnforschung. Sie sagt uns, dass Menschen, die sich für andere einsetzen, ein Hormon aktivieren, das ihnen ein Gefühl von Glück bereitet. Man könnte es auch so ausdrücken: Tu viel Gutes und es wird dir gut gehen.

Heute ist Weltmissionssonntag. Dieser jährlich wiederkehrende Sonntag hat ein doppeltes Ziel. Erstens ruft er uns in Erinnerung, dass jeder von uns ein Missionar sein soll, ein Zeuge Jesu Christi. Jeder von uns soll ein wenig wie Jesus sein. Erzbischof Helder Camara sagte einmal: „Vergiss nicht, dass für viele Menschen dein Leben das einzige Evangelium ist, das sie lesen werden.“ Viele Menschen kennen das Evangelium nicht. Sie haben vielleicht die Bibel, aber sie lesen sie nicht. Sie lesen vielleicht die Bibel, aber verstehen sie nicht. Jeder von uns aber kann und soll ein Evangelium sein, eine Frohe Botschaft – geschrieben in Wort und Tat. Das zweite Ziel des Weltmissionssonntags besteht darin, dass wir durch eine Geldspende beitragen, Not in der Welt zu lindern. Wir unterstützen dadurch auch jene Menschen, die sich mit hohen Idealen Einsetzen und Hilfe organisieren.

Mit Freude dienen und helfen. Wenn Sie das tun und weiter tun und immer mehr tun, dann sind Sie authentische Zeugen Jesu Christi, der uns heute von sich selber gesagt hat: „Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45).

P. Peter Willi