“Stille Nacht, heilige Nacht” – ein Lied, das die Welt erobert hat

Drucke diesen Beitrag

Zur Geschichte des „Stille Nacht, heilige Nacht“ – Einstimmung in die Feier der Christmette in der Pfarre Gisingen

In der Heiligen Nacht 1818, also vor genau 200 Jahren, erklang in der St. Nikolaus Kirche in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Es wurde weltweit eines der berühmtesten Weihnachtslieder. Joseph Mohr verfasste den Text im Jahr 1816, als er Hilfspfarrer in Mariapfarr in Lungau im Salzburgerland war.  Das Jahr 1816 ging als “Jahr ohne Sommer” in die Geschichte ein. Ursache war ein gewaltiger Vulkanausbruch in Indonesien. Mitteleuropa war am schlimmsten vom kalten Sommer betroffen. So gilt der Sommer 1816 zum Beispiel in Karlsruhe bis heute als der kälteste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahre 1779. Zahlreiche Flüsse traten über die Ufer, in den Alpen schneite es immer wieder bis in tiefe Lagen. Ernten fielen aus, viele Menschen litten an Hunger oder starben. Unter diesen traurigen Vorzeichen verfasste der 23jährige junge Priester sein Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“. Er legte es in die Schublade seines Schreibtisches, der als einziges Möbel neben dem Bett in seiner Stube stand. Nach kurzer Zeit in Mariapfarr kam er nach Oberndorf.

Nicht beweisbar, aber auch nicht widerlegbar ist der Bericht, dass am Vormittag des Heiligen Abends 1818 die Orgel in der Oberndorfer Pfarrkirche ihren Dienst versagte. Joseph Mohr erinnert sich an das Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“, das er vor zwei Jahren verfasst hatte. Er wendet sich mit dem Text an den begabten Musiker und Organisten Franz Xaver Gruber und bittet ihn, sein Gedicht für zwei Männerstimmen und eine Gitarre zu vertonen. Bereits am späten Nachmittag hat Gruber die Komposition vollendet – in Dur, es gab damals sowieso genug Moll-Töne. In der Christmette sang der Priester Joseph Mohr den Tenor und spielte die Gitarre, Franz Xaver Gruber sang den Bass. Die Gläubigen waren tief berührt. Es waren einfache, arme Leute, die ihr Brot hart verdienen mussten. Bei der Schlusszeile, Jesus, der Retter ist da, stimmten alle mit ein.

Große Dinge in der Geschichte entstehen nicht immer in idealen Situationen, sondern werden in der Not und aus der Not geboren. Sie entstehen aufgrund von inneren Inspirationen, etwa das Gedicht „Stille Nacht“ im kühlen 1816er Jahr, oder aufgrund eines Rufes, einer Bitte von außen: etwa die wunderbare Melodie von Stille Nacht. Betrachtet in einer gläubigen Perspektive könnte man sagen: Lied und Text des „Stille Nacht, heilige Nacht“ waren ein nicht geplantes, sondern unerwartetes Geschenk des Heiligen Geistes an eine kleine, glaubende, arme Pfarrgemeinde, die sich versammelt hatte, um die Geburt Jesu zu feiern. Im Lauf der Zeit jedoch eroberte es die ganze Welt. Wie Jesus in bescheidensten Umständen und in Stille geboren wurde, so wurde uns dieses wunderbare Lied durch ähnliche Umstände hindurch geschenkt. „Der Geist weht, wo er will“ (Joh 3,8), sagte uns Jesus.

Predigt – Christmette 2018

Liebe, in weihnachtlicher Freude versammelte Schwestern und Brüder!

Es gibt viele Artikel und Berichte über das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, über seine Entstehung, die kompositorische Meisterleistung usw. Über den reichen Inhalt dieses Liedes wird aber sehr wenig reflektiert. Das möchte ich jetzt ein wenig tun und dann den Inhalt für unsere Zeit aktualisieren.

Wenn man die sechs Strophen des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ bzw. die gekürzte Version mit den drei Strophen neben die Heilige Schrift legt und die Frage stellt: Hat dieses Lied etwas mit der biblischen Botschaft von der Menschwerdung Gottes zu tun?, dann muss man sagen: Dieses Lied ist ganz und gar von der Botschaft des Wortes Gottes durchdrungen. Gewiss gibt es manche phantasievolle Ausschmückung des biblischen Textes, etwa wenn da die Rede ist vom holden Knaben in lockigem Haar, dem der Dichter himmlische Ruh wünscht, oder wenn die Rede ist vom trauten, heiligen Paar, das einsam wacht, während alle anderen schlafen. Das sind erbauliche, dichterische Ausschmückungen der biblischen Berichte, die aber nicht die biblische Wahrheit entstellen.

Das Lied endet mit einer höchstbedeutenden und zusammenfassenden Aussage: Jesus (Christ), der Retter, ist da (6. Strophe). Paulus hat uns heute in seinem Brief an Titus gesagt: „Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (Tit 3, 4). Woher kam der Retter? Er kam aus der Welt Gottes und ist selbst Gott. Die zweite göttliche Person hat sich sichtbar gemacht, aber nicht als ein Blitz oder als beeindruckende Erscheinung am Firmament, sondern als Mensch, als hilfloses Baby, als Säugling. Der Priester Josef Mohr drückt es in der dritten Strophe des Urtextes so aus: „Stille Nacht, heilige Nacht! Die der Welt Heil gebracht / aus des Himmels goldenen Höh’n, / uns der Gnaden Fülle lässt sehn: / Jesus, in Menschengestalt, Jesus, in Menschengestalt.“ Er hat gemeint: Jesus, der Gott, Hat sich in Menschengestalt gezeigt. Die Allmacht Gottes kam in der Gestalt der Liebe zum Menschen, der sich von Gott entfernt hatte, zum Menschen, der sich in falscher Freiheit von Gott abgenabelt hat, seine eigenen Wege gegangen ist und der Meinung war: Wozu brauche ich Gott? Wozu brauche ich die Weisungen Gottes? Ich weiß es doch besser. Wie viel Intelligenz gibt es in der Welt! Wie viele Talente haben die Menschen! Wie viel Mittel haben die Menschen1 Wie viele gute Bücher wurden geschrieben! Warum gibt es dennoch so viele Konflikte, Leid, Kriege, Streitigkeiten, Probleme und Unzufriedenheit? Der Mensch, der sich von Gott lossagt, ist ein verwundeter Mensch und fügt anderen Wunden zu. In Jesus Christus machte sich Gott aber auf den Weg, um den Menschen heimzuholen. In der vierten Strophe des vollen Textes heißt es: „Stille Nacht, heilige Nacht! Wo sich heut alle Macht / väterlicher Liebe ergoss / und als Bruder huldvoll umschloss: / Jesus, die Völker der Welt, / Jesus, die Völker der Welt.“ Jesus, unser göttlicher Bruder, hat die Völker der Erde mit ausgestreckten und liebenden Armen umschlossenen – am Kreuz! Paulus, der bis in die tiefsten Tiefen seiner Existenz die rettende Macht Gottes erfahren hat, sagt es so: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste“ (1 Tim 1,15).

Liebe Gläubige, jeder, der das „Stille Nacht, heilige Nacht“ singt, soll sich die Frage stellen: Ist Jesus für mich der Retter? Erkenne ich ihn und anerkenne ich ihn als Helfer und Retter? Zu allen Zeiten war das Menschenleben von Nöten gekennzeichnet. Jeder Mensch hält Ausschau nach Helfern. In unserer Zeit gibt es ein ganzes Heer von Helfern, von Therapeuten, von Heilern: Es gibt Psychiater, Psychotherapeuten, Musik-, Tanz- Leib oder Atemtherapeuten, Engelheiler, Selbsthilfelehrer, Gesprächstherapeuten, Lebensberater, Berufs- und Lebenscoach, Systemaufsteller, Mediatoren usw. Sie alle bieten Hilfe an. Viele von ihnen arbeiten seriös und wir sind ihnen dankbar, andere unter ihnen arbeiten weniger seriös und wieder andere sind Geldmacher und Scharlatane. Gewiss: Es gibt heilende Kräfte in uns, die wir entwickeln sollen, z. Bsp. durch einen gesunden Lebensstil, es gibt heilende Kräfte in der Natur, in Übungen und Therapien aller Art usw.

Wer sich aber im Glauben Jesus Christus zuwendet, der empfängt heilende Kraft aus der Welt Gottes und nicht nur aus der irdischen Welt, aus sich selbst, aus der Natur usw. Jesus ist der Retter, der Heiland vieler Wunden. Er kann die Verzweiflung, die innere Leere, die Sinnlosigkeit, die Habgier, die Ichbezogenheit, die vielen verletzten Beziehungen, die blutenden Wunden der menschlichen Schuld und viele, viele andere Nöte des Menschenlebens heilen. Die letzte Not des menschlichen Dasein, der kein Mensch entkommt, ist der Tod. Gott wollte nicht, dass der Mensch durch die Schuld Adams und Evas eine Beute des Todes bleibt. Er rettet diejenigen, die sich ihm anvertrauen, aus dem Tod. Niemand anderer als er kann besser die vielen Wunden der Psyche heilen, und er ist der einzige, der die Wunde der Schuld und des Todes heilen kann.

Der glaubende Christ ist dankbar für alle menschliche Hilfe, aber er öffnet seine ganze Existenz für jene Hilfe, die uns der Retter Jesus Christus gebracht hat. Der glaubende Mensch hat Vertrauen in Jesus und die Hilfe, die ER anbietet. An jeden geht die Frage: Bin ich einfach und demütig, um mir von ihm durch den Dienst der Kirche helfen zu lassen?

Jesus kam als Retter, als Erlöser, als Heiland und Arzt in die Welt. Weil ich selber davon zutiefst überzeugt bin, weil ich in meinem Leben und im Leben vieler Menschen diese Wahrheit erfahren habe, deshalb lade ich jeden von Euch einzelnen ein: Lasst Euch ganz auf Jesus Christus ein. Er liebt dich und mich ganz persönlich. Josef Mohr hatte recht, als er vor 202 Jahren schrieb: Jesus, der Retter, ist da! Jesus, der Retter, ist da!

P. Peter Willi FSO