Der Sonnengesang des hl. Franziskus

Liebe Schwestern und Brüder,

am 3. Oktober 2026 feiern wir den 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi. Er wuchs in einem reichen Haus auf. Der Vater hatte Geschäftsbeziehungen zu Frankreich und nannte deshalb seinen Sohn Francesco, d.h. kleiner Franzose. Im dritten Lebensjahrzehnt nach einer Verwundung fiel das Feuer des Heiligen Geistes in sein Herz. Er wollte nur mehr wie Jesus leben, arm und bescheiden wie Jesus, er wollte nur mehr mit Jesus und für Jesus leben. Sein radikal gelebter Glaube und jener der hl. Klara zog Scharen von jungen Männern und Frauen an: Die franziskanische Ordensfamilie entstand. Am Ende seines Lebens schrieb er den Sonnengesang.

Franziskus lag schwer krank in einem kleinen Gärtchen des Klosters San Damiano in Assisi, Schwestern pflegen ihn. Er ist ausgemergelt, geschwächt, nahezu blind – und ahnt mit seinen rund 40 Jahren vielleicht schon, dass sein Leben sich dem Ende zuneigt.

In dieser Situation schreibt er einen wunderbaren Gesang auf die Schönheit und Herrlichkeit von Gottes Schöpfung. Die verschiedenen Schöpfungswerke sind für ihn wie eine göttliche Familie: Die Sonne und das Feuer sind für ihn Brüder, der Mond und das Wasser sind für ihn Schwestern. Die Erde nennt er eine Mutter. Franziskus lobt und preist Gott und immer wieder sagt er: Sei gelobt, Herr! 33 Verse hat dieser Sonnengesang. Sie entsprechen den 33 Lebensjahren Jesu Christi.

Das Herz von Franziskus quillt über von Staunen: Er staunt über das Wasser, das nützlich, demutsvoll und keusch ist und unseren Durst löscht. Er ist berührt von der Mutter Erde, die uns ernährt, erhält und Früchte trägt. Lädt uns Franziskus nicht ein, zur Ruhe zu kommen, zu staunen, zu bewundern, Gott zu loben und zu preisen? Wie viele Wanderer, Kletterer, Biker oder Urlauber an den Küsten der Seen und Meere oder wie viele Menschen in den Gärten suchen auch Momente der Stille, des Staunens, des Betens, des Bewunderns, des Dankens? Franziskus sagt uns: Komm zur Ruhe. Leg das Handy zur Seite und lies in der ersten Bibel, in der herrlichen Schöpfung Gottes, lobe und preise Gott. Und dann nimm die zweite Bibel in die Hand und höre auf das Wort Gottes. In beiden Bibel hat Franziskus ein Leben lang gelesen und meditiert.

Neben dem Staunen ist die Demut die Herzenshaltung, die den ganzen Sonnengesang durchzieht. Die Demut ist unser Weg zu Gott, so wie die Demut der Weg Gottes zu uns Menschen war. Die Demut ist auch die Haltung, die zum Frieden führt. Das Lob auf Gottes Werke im Sonnengesang geht über in eine Friedensstrophe.

Gelobt seist du, mein Herr, für jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Not.
Selig, die ausharren in Frieden,
denn du, Höchster, wirst sie einst krönen.

Gott hat uns eine so wunderbare Welt geschenkt. Warum streiten die Menschen so viel im Garten Gottes? Es ist tatsächlich etwas Geheimnisvolles, dass wir Menschen so schwach sind und dass so oft und so schnell der Unfriede über uns hereinbricht. Warum so viele Verletzungen, so viele Lügen, so  öse Worte und Taten, so viele Missverständnisse. Immer wieder versteht ein Mitmensch ein Wort oder einen Satz, den ein anderer ausgesprochen hat, so ganz anders, als er ihn gemeint hat und dann böse auf ihn ist. Ja, der Mensch ist schwach und der Teufel schleicht überall herum, um Freundschaft, Liebe und Eintracht zu belasten, zu zerstören und zu zerschlagen. Deshalb sagt Jesus im heutigen Evangelium , dass wir siebzigmal siebenmal, als 490 Mal verzeihen sollen (vgl. Mt 18,22). Friede war eine die großen Sehnsüchte des hl. Franziskus und göttlich in dieser Welt leben, bedeutet für Franziskus Frieden stiften. Gott sei Dank müssen wir nie resignieren, denn mit Jesus ist Friede immer möglich. Die letzten Worte des Sonnengesangs lauten:

Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Für Franziskus, wie auch für das Neue Testament, gibt es einen ersten Tod und einen zweiten Tod. Mit erstem Tod ist die traurige Tatsache gemeint, dass Gott im Menschenherzen stirbt, die Wahrheit, die Liebe stirbt. Mit Jesus kann und soll dieser Tod überwunden werden. Von diesem Tod spricht der barmherzige Vater, der überglücklich über seinen Sohn ist, der nach Hause zurückkehrt. Zum zweiten Sohn sagt er: „Dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder“ (Lk 15,24). Franziskus nennt den zweiten Tod eine Schwester. Wer den ersten Tod überwunden hat, kann dem Tod des Leibes mit Hoffnung entgegengehen, ja sogar mit Freude. Da ein solcher Mensch im heiligsten Willen Gottes lebt, kann ihm nichts mehr schaden. Dieser zweite Tod ist das Tor zum ewigen Leben.

Lassen wir uns immer wieder neu vom Sonnengesang des hl. Franziskus inspirieren. Danken wir Gott für das Geschenk des hl. Franziskus. Amen.